Freitag 27. Januar 2017

Mossul – „Die meisten Medien verbreiten die gleichen irreführenden Berichte“ (Interview mit Dr. Souad Naij Al-Azzawi) (1 von 2)

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Mossul – „Die meisten Medien verbreiten die gleichen irreführenden Berichte“ (Interview mit Dr. Souad Naij Al-Azzawi) Freitag, 27.01.2017 (1 von 2)
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Am 23. Januar hieß es in den westlichen Leitmedien, dass die irakische Armee den Osten Mossuls komplett erobert habe. Zur Erinnerung: Seit Juni 2014 ist Mossul, die zweitgrößte Stadt im Irak, in der Hand der Terrormiliz „Islamischer Staat“ IS. Vor drei Monaten begann die Großoffensive der Irakischen Armee und verbündeter Milizen auf die IS-Hochburg Mossul. Unterstützt werden die Kämpfer von Luftangriffen der US-geführten internationalen Koalition, sowie hinter der Front von hunderten Militärberatern.

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Mossul – „Die meisten Medien verbreiten die gleichen irreführenden Berichte“ (Interview mit Dr. Souad Naij Al-Azzawi) 27.01.2017

Am 23. Januar hieß es in den westlichen Leitmedien, dass die irakische Armee den Osten Mossuls komplett erobert habe. Zur Erinnerung: Seit Juni 2014 ist Mossul, die zweitgrößte Stadt im Irak, in der Hand der Terrormiliz „Islamischer Staat“ IS. Vor drei Monaten begann die Großoffensive der Irakischen Armee und verbündeter Milizen auf die IS-Hochburg Mossul. Unterstützt werden die Kämpfer von Luftangriffen der US-geführten internationalen Koalition, sowie hinter der Front von hunderten Militärberatern. Mossul sei die letzte Bastion des IS im Irak. Sollten die Terroristen die Großstadt komplett verlieren, wären sie im Irak militärisch weitgehend besiegt, soweit die Leitmedien. Doch was läuft wirklich in der Millionenstadt Mossul ab und wie vollumfänglich ist das Bild, das die Berichterstattung der Massenmedien von der Großoffensive vermittelt? Eine, die es wissen muss ist die irakische Geologin Dr. Souad Naij Al-Azzawi. Anfang der 70er Jahre studierte sie an der Universität Mossul Bauingenieurwissenschaften. Zu Beginn der 80er Jahre ging sie in die USA und studierte an der Colorado School of Mines Geologie und Umwelttechnologie. Sie promovierte mit einer Doktorarbeit über die radioaktive Verseuchung des Grundwassers in Colorado durch Kernkraftwerke. 1991 kehrte sie in ihr Heimatland Irak zurück, wo sie 1995/96 die Verseuchung von Boden, Wasser und Luft mit abgereichertem Uran (U-238) untersuchte. Ihren Untersuchungen zufolge stammt das abgereicherte Uran nachweislich aus Uranwaffen, die das amerikanische Militär in beiden Golfkriegen im Irak (1980-1988 und 1990/91), in Ex-Jugoslawien (1999) und in Afghanistan (seit 2001) einsetzte. Für ihre Arbeit wurde Dr. Souad Naij Al-Azzawi 2003 mit dem »Nuclear Free Future Award« ausgezeichnet – einem Preis „für eine Zukunft frei von Atomwaffen, Atomenergie und Uranmunition“. In ihrem neuesten Interview, das am 26. Januar 2017 in der deutschen Tageszeitung „junge Welt“ erschien, geht sie mit der Berichterstattung der westlichen Presse über die Großoffensive auf die IS-Hochburg Mossul unmissverständlich ins Gericht: – Die meisten Medien verbreiten die gleichen irreführenden Berichte. – Die Wahrheit sei, dass seit mehr als einer Woche Tag und Nacht hunderte Luftangriffe der US-Koalition ausgeführt werden und Langstreckenraketen über den Wohngebieten, die sie befreien wollen, niedergehen. – Niemand blicke auf die Verbrechen der US-Koalition, die in Mossul begangen werden. Mit anderen Worten, Dr. Souad Naij Al-Azzawi spricht frei aus, was von den Massenmedien kaum einmal erwähnt wird. Ein weiteres Indiz dafür, dass die US-amerikanische Kriegstreiberpolitik von den westlichen Nachrichtenagenturen und Leitmedien gedeckt wird und diese keinesfalls neutral berichten. Hören Sie nun selbst, was Dr. Souad Naij Al-Azzawi zu sagen hat. (Frage:) Wenn wir in deutschen Medien in diesen Tagen überhaupt etwas über Mossul erfahren, dann geht es um »die Schlacht um Mossul«, dass »Tausende fliehen« und dass »die irakische Armee den Osten von Mossul eingenommen« habe. Entspricht das dem, was Sie aus Mossul hören? (Al-Azzawi:) Die meisten Medien verbreiten die gleichen irreführenden Berichte. Sie zeigen Fotos oder Videoclips, auf denen zu sehen ist, wie irakische Soldaten und Peschmerga IS-Kämpfer durch die Straßen jagen und wie sie sich in den Gebieten, die sie kontrollieren, um die Zivilisten kümmern. Die Wahrheit ist, dass seit mehr als einer Woche Tag und Nacht hunderte Luftangriffe der US-Koalition ausgeführt werden und Langstreckenraketen über den Wohngebieten, die sie befreien wollen, niedergehen. Hunderte Zivilisten sterben oder werden in den Trümmern ihres Hauses verletzt. Andere fliehen, wenn sie können. Wer zurückbleibt, sitzt in seinem Haus wie in einer Falle, ohne Strom, ohne Trinkwasser, ohne Nahrungsmittel. Wenn sie – wie in Ramadi und Falludscha – die meisten der Viertel zerstört haben und sich sicher sind, dass IS-Kämpfer sich aus diesen Gebieten zurückgezogen haben, dann kommt die Armee mit den Kameras und führt den Fernsehteams ihren »Erfolg« vor. Währenddessen sterben die Verletzten weiter in den Trümmern ihrer Häuser, weil es kein schweres Gerät gibt, um sie zu bergen. Und selbst wenn die Verletzten geborgen werden, dann gibt es kein Krankenhaus mehr in der Nähe, in dem sie versorgt werden können. Denn die US-Koalition hat alle Krankenhäuser zerstört. Ich nenne das die absichtliche Vernichtung der irakischen Zivilbevölkerung. (Frage:) Wissen Sie, wie viele Menschen noch in Mossul leben? (Al-Azzawi:) Seit die militärische Operation begonnen hat, sind etwa 200.000 Menschen geflohen. Demnach dürften noch etwa 800.000 Menschen in Mossul leben. (Frage:) Was wissen Sie über deren Lebenssituation, wie sieht der Alltag aus? (Al-Azzawi:) Die Lage in der Stadt ist schrecklich. Es gibt keinen Strom, kein sauberes Trinkwasser, kein Benzin, keine Nahrungsmittel. Wie sollen die Menschen schlafen können bei dem grauenhaften Lärm der Bombardierungen, der Kampfflugzeuge und in ständiger Angst, dass die eigene Wohnung, das eigene Haus als nächstes von den Raketen zerstört werden könnte? Die Familien wissen nicht, wo sie ihre Kinder oder alte, kranke Angehörige und Nachbarn noch sicher unterbringen können, damit sie nicht verletzt oder getötet werden, wenn die Raketen der »Befreier« ihr Zuhause treffen. Es mangelt an Medikamenten, die Krankenhäuser sind zerstört, und so können selbst einfache, sonst ungefährliche Krankheiten zum Tod von Kindern und Alten führen. (Frage:) Laut Presseerklärungen des Zentralkommandos der US-Airforce hat die »Anti-IS-Allianz« die Universität von Mossul seit Anfang des Jahres tagelang angegriffen. Am 18.1. heißt es: »Die Befreiung der Universität nimmt dem IS eine bedeutende Basis für seine Operationen und Recherchen. Diese ist kulturell wichtig für die Bewohner von Mossul und als Bildungseinrichtung auch ein wichtiges Wahrzeichen der Stadt.« Sie haben selber in Mossul studiert und Kontakte zu den Fakultäten, welche Informationen haben Sie von dort? (Al-Azzawi:) Sie (die US-Airforce) müssen das natürlich sagen, um ihre Kriegsverbrechen zu verschleiern. Sie haben die gesamte zivile Infrastruktur in Mossul angegriffen: die Stromversorgung, Wasserwerke, Krankenhäuser, die pharmazeutischen Industrieanlagen. Lagerhäuser für Nahrungsmittel, sämtliche Einrichtungen der staatlichen Versorgung, die Banken und natürlich die Universität. Es handelt sich – wenn wir Falludscha und Ramadi einbeziehen – um die absichtliche und systematische Zerstörung aller Städte, die sich der Besatzung widersetzt haben. Die US-Besatzung nannte diese drei Städte (während der Besetzung des Irak ab 2003) das »Dreieck des Todes«. Die Bombardierung von Wohngebieten, die vielen Toten, die Zerstörung des zivilen Lebens und seiner Einrichtungen in diesen Städten gehören zu dem US-Plan, aus dem Irak einen »gescheiterten Staat« zu machen. Keine Stadt soll in der Lage sein, sich gegen die beabsichtigte Spaltung des Landes zu wehren und zu verhindern, dass Öl und andere nationale Ressourcen des Irak übernommen werden. (Frage:) Das US-Militär spricht davon, die Universität von Mossul befreit zu haben. (Al-Azzawi:) Ich nenne das die Zerstörung von Mossul einschließlich der Universität. Wenn sie die Stadt hätten befreien und die Einwohner retten wollen, hätten sie eine Guerillataktik anwenden können. Doch sie entschieden anders, und Tausende von Zivilisten wurden zu »Kollateralschäden« erklärt. Was in Mossul in der Universität und gegen die Bevölkerung geschah, ist ein Kriegsverbrechen. (Frage:) Die Friedensbewegung, Intellektuelle, Wissenschaftler in aller Welt äußern sich kaum zu dem, was in Mossul geschieht. Warum? (Al-Azzawi:) Ganz einfach: Die Masse irreführender Medienberichte verschleiert den Blick auf das, was dort geschieht. Die Befreiungsoperation fand zu dem Zeitpunkt statt, als alle Welt auf den Präsidentenwechsel in den USA blickte. Das war sicherlich kein Zufall, niemand blickte auf die Verbrechen, die in Mossul begangen wurden. Hinzu kommt, dass Personen, die das Geschehen in Mossul beim Namen nennen, diffamiert werden, den Terror und den IS zu unterstützen. Sie werden geradezu erpresst. In Europa will man unbedingt das Problem mit den Flüchtlingen loswerden. Man meint, unschuldige Leute im Irak zu töten und ganze Städte zu zerstören sei ein angemessener Preis dafür, um dem IS den Garaus zu machen. Hauptsache, die Flüchtlinge kehren wieder in ihre Heimat zurück und leben dort glücklich weiter. (Frage:) Die deutschen Medien betonen oft, dass es einen »Religionskrieg« im Irak gibt. Sunniten bekämpften die Schiiten und umgekehrt. Christen, Jesiden, Assyrer verteidigten sich gegen die anderen. Ist das so? (Al-Azzawi:) Die Spannungen zwischen den Religionsgruppen wurden von der Besatzung geschaffen, um den Irak zu erobern, zu kontrollieren und alle Ressourcen zu übernehmen. Sie wurden durch eine von den US-Amerikanern geschriebene Verfassung und einen aufgezwungenen, konfessionellen politischen Prozess gefördert. Hunderte von Jahren haben die Iraker friedlich miteinander gelebt. Was heute geschieht, ist ein Interessenkonflikt unter denen, die die Besatzung des Irak betrieben haben. Das wird von den meisten Medien als »Religionskrieg« dargestellt. (Frage:) Religiöse Minderheiten und Volksgruppen wie die Kurden werden von westlichen Staaten unterstützt. Frankreich und Deutschland beispielsweise bewaffnen und trainieren kurdische Peschmerga, die USA stellen jesidische und assyrische Batallione auf. Der Iran unterstützt schiitische Milizen, und alle zusammen fördern die irakische Armee. Warum? (Al-Azzawi:) Die Iraker sind das Volk der mesopotamischen Zivilisationen, sie sind sehr verschieden und doch geeint in ihrer Zivilisation. Als die US-Administration und die britische Regierung entschieden, alle Ölressourcen im Mittleren Osten unter ihre Kontrolle zu bringen, entschieden sie auch, dass Israel sich ungehindert in der Region ausbreiten können soll. Ihnen war klar, dass das nur gelingen kann, wenn sie den Irak aufteilen und in drei oder noch mehr kleinere Gebiete zerschlagen. Diese Fragmentierung verläuft entlang verschiedener Volksgruppen und Religionen, die gegeneinander kämpfen. Gleichzeitig brauchen alle für ihre Kämpfe den Schutz der US-Amerikaner und der NATO. Was wir jetzt sehen, ist sozusagen die »Vollendung« dessen, was sie 1991 mit dem Irak-Krieg, dem Beginn der UN-Sanktionen und dem Schutzzonenregime begonnen haben: die Zerschlagung des Irak.

von dd


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