Montag 22. Mai 2017

Bildung & Erziehung | 22.05.2017

Sexualpädagogik auf dem Prüfstand - Teil 2 - Vortrag von Dr. Christian Spaemann (1 von 1)

Die „Sexualpädagogik der Vielfalt“ ist Teil einer weltweiten, auf der Gendertheorie basierenden, sexualpädagogischen Strömung. Sie nimmt für sich in Anspruch, sexuellem Missbrauch von Kindern vorzubeugen. Eltern befürchten jedoch eine genau gegenteilige Wirkung. Dr. Christian Spaemann, Psychiater und Psychotherapeut, beschäftigt sich im folgenden Videobeitrag mit der berechtigten Frage: Öffnet nicht genau diese „präventive“ Vorgehensweise der Anbahnung einer Missbrauchshandlung Tür und Tor? - Fortsetzung folgt nächste Woche -

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Sexualpädagogik auf dem Prüfstand - Teil 2 - Vortrag von Dr. Christian Spaemann 22.05.2017

Herzlich willkommen zum 2. Teil unserer Sendereihe „Sexualpädagogik auf dem Prüfstand“. Heutige Sexualpädagogen und auch etliche Kinderschützer vertreten die Meinung, dass frühe sexuelle Aufklärung das kindliche Selbstvertrauen fördere und damit wesentlich dazu beitrage, sexuellem Missbrauch vorzubeugen. Das sieht der Psychiater und Psychotherapeut Dr. Christian Spaemann eher kritisch. Im nun folgenden Vortrag macht er deutlich, es sei wissenschaftlich unhaltbar, dass die angebliche Prävention einem sexuellen Missbrauch vorbeuge. Er gibt vielmehr zu bedenken, ob nicht gerade das Vorgehen gegenwärtiger Sexualpädagogen den Missbrauchshandlungen erst Tür und Tor öffne. Der Vortrag wurde per Videobotschaft anlässlich des Symposiums des Aktionsbündnisses für Ehe und Familie und DEMO FÜR ALLE am 6. Mai 2017 in Wiesbaden ausgestrahlt. Dr. Christian Spaemann: »Missbrauchsprävention durch Sexualpädagogik der Vielfalt« https://www.youtube.com/watch?v=qQkJZKdx3Ng Sehr geehrte Damen und Herren, ich begrüße alle Teilnehmer des Kongresses, über die Sexualpädagogik der Vielfalt in Wiesbaden. Leider bin ich persönlich verhindert und spreche daher über ein Video zu Ihnen. Bevor ich zum Thema Missbrauchsprävention und Sexualpädagogik der Vielfalt komme, möchte ich kurz den Hintergrund dieses Konzepts beleuchten und zeigen, wie es vorgegebene Themen besetzt und für sich in Anspruch nimmt. Die Sexualpädagogik der Vielfalt im deutschsprachigen Raum ist Teil einer weltweiten, auf der Gendertheorie basierenden, sexualpädagogischen Strömung. Unter dem Begriff Comprehensive Sexuality Education CSE, zu Deutsch ganzheitliche Sexualerziehung, dominiert diese Pädagogik mächtige, internationale Institutionen, insbesondere die UNO und ihre Tochterorganisationen, wie die UNESCO und den UNO-Bevölkerungsfonds UNFPA. Ein Beispiel hierfür wäre das sexualpädagogische Programm des UNFPA für Afrika: The World Starts With Me. CSE sieht Sexualität abgelöst von allen biologischen, psychologischen und kulturell vorgegebenen Kontexten, abgelöst von Sinnstrukturen und Zielen, die in der menschlichen Sexualität liegen, wie z.B. Fruchtbarkeit, Bindung, Liebe und Familie. Insbesondere die sexuelle Vereinigung von Mann und Frau, die ja als eine Art Schnittstelle im Gefüge der Generationen gesehen werden kann, wird zu einer privaten Option in einem Meer von sexuellen Möglichkeiten, die alle als gleichwertig angesehen werden. Der Jugendliche, der mit seiner Sexualität konfrontiert ist, trägt demnach auch keine spezifische Verantwortung mehr für die Integration seiner Sexualität in größere Lebenszusammenhänge. Sexualität stellt keine Aufgabe mehr dar. Bei der Sexualpädagogik der Vielfalt bleiben nur noch drei Prinzipien übrig, die die moralische Grundlage für alle sexuellen Verhaltensweisen abgeben. Es handelt sich dabei erstens um die individuelle Autonomie, für die sogenannte sexuelle Rechte formuliert wurden; zweitens um gegenseitiges Einvernehmen mit möglichen Sexualpartnern, auf der Grundlage einer Verhandlungsmoral und drittens um „save sex“, Sicherheit, das heißt Verhütung von ungewollten Schwangerschaften und Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten. Diese drei Prinzipien bilden so die Grundlage für das Ausleben beliebiger sexueller Möglichkeiten. Das System CSE ist somit extrem flexibel. Religiös oder kulturell bedeutsame Faktoren, die die Sexualität beeinflussen können, werden wie Versatzstücke nach Belieben in die Optionen eingereiht. So widmet z.B. ein Berliner Aufklärungsfolder, offensichtlich um muslimische Eltern zu beruhigen, den Respekt vor dem Hymen, dem Jungfernhäutchen, einen eigenen Abschnitt. Das tut der transportierten Ideologie des sexuellen Relativismus keinen Abbruch. Es ist wie mit einem chinesischen Billigrestaurant, das 30 Gerichte auf der Speisekarte anbietet. Spätestens beim dritten Besuch des Restaurants wird einem klar, dass es sich in Wirklichkeit um ein einziges Gericht gehandelt hat. Diese Flexibilität des Systems CSE ist ein wesentlicher Teil seines Erfolges. Es werden aktuelle Themen aufgegriffen und Ziele formuliert, die für die betreffenden Zielgruppen relevant sind und dazu Programme entwickelt und vorgelegt. Die Ziele selber können durchaus in einem Spannungsverhältnis, ja sogar in einem gewissen Widerspruch zu den Grundkonzepten zu CSE stehen. So wurde z.B. auf einer Tagung der UNESCO zum Thema Aidsprävention, auf CSE basierende Richtlinien zur Sexualerziehung hingewiesen, die anhand von sogenannten Wirksamkeitsstudien zeigen, dass sich mit dem sexualpädagogischen Programm der CSE, neben der Abnahme riskanten Sexualverhaltens im Sinne einer konsequenten Verhütung, eine spätere Aufnahme von Sexualkontakten und eine Verminderung der Anzahl der Sexualpartner erreichen lässt. Wie ist das möglich, dass eine extrem libertäre Sexualpädagogik solche Ziele erfolgreich bedient? Ganz einfach: Reflexion und Aufklärung senkt prinzipiell Problemverhalten. Ein reflexives, autonomieorientiertes, sexualpädagogisches Programm wird in einem sexuell-chaotischen Milieu, entsprechend den genannten Zielen, Erfolg haben. Die Frage ist nur, wie dieses Programm längerfristig im Verhältnis zu anderen wertorientierten sexualpädagogischen Programmen abschneiden würde? Es ist ähnlich wie mit der Propagierung von Kondomen. In einer Population mit rasanter Ausbreitung von Aids lässt sich diese durch entsprechende kondomorientierte Programme drastisch senken. Längerfristig zeigt sich allerdings, dass die Kombination solcher Programme mit einer libertären Sexualpädagogik die Ausbreitung von Aids nur eindämmen, keineswegs aber längerfristig zu befriedigenden Ergebnissen führen kann. Also wir können zum Beispiel denken: „Machs mit, rund um die Welt.“ So war es auf den Plakaten zu sehen. Das Kondom ist nämlich ein extrem schlechtes Verhütungsmittel und wird, kombiniert mit riskantem Verhalten, natürlich noch schlechter. Abstinenz und treueorientierte Programme in Uganda haben z.B. gezeigt, dass sie zu sehr viel besseren Ergebnissen hinsichtlich der Ausbreitung von Aids führen. Wir müssen diesen Hintergrund beachten, wenn wir das Thema Sexualpädagogik der Vielfalt und Missbrauchsprävention in den Blick nehmen. Missbrauchsprävention ist ein gewichtiges Thema. Sexueller Missbrauch stellt sich in unterschiedlicher Ausprägung immer mehr als ein transkulturelles Problem dar, das weit in die Geschichte der Menschheit zurückreicht. In Deutschland rechnet man mit hunderttausend Missbrauchsfällen im Jahr. Das bedeutet, dass durchschnittlich zwei bis drei Kinder oder Jugendliche pro Schulklasse betroffen sind. Es ist daher naheliegend, dass dieses Thema von der Sexualpädagogik der Vielfalt für sich in Anspruch genommen und häufig zu ihrem wesentlichen Ziel erklärt wird. Das Stichwort Missbrauchsprävention hat eine beruhigende Wirkung für alle Verantwortlichen, insbesondere für die Eltern. Wer Missbrauchsprävention betreibt, erscheint mit dem, was er tut, ungesehen legitimiert. Allzu leicht wird dabei übersehen, dass man diese Prävention nicht isoliert vom Gesamtkonzept der dahinter liegenden Pädagogik verstehen kann. Die Langzeitfolgen des sexuellen Missbrauchs sind für Mädchen wie für Buben verheerend. Bereits eine einzige, begehrliche Berührung im Schambereich eines Kindes in der Zeit vor der Pubertät kann die weitere psychosexuelle Entwicklung negativ beeinflussen. Sexueller Missbrauch findet in der Familie, in der Großfamilie und im öffentlichen Raum, d.h. in Kindergärten, in den Vereinen, in den Schulen oder im Umfeld religiöser Gemeinschaften statt. Meist wird der sexuelle Übergriff zwischen Erwachsenen und Kindern in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. In letzter Zeit werden aber auch zunehmend sexuelle Übergriffe unter Kindern diskutiert. In meiner eigenen psychotherapeutischen Praxis werde ich immer wieder mit sexuellen Missbrauchserfahrungen konfrontiert, bei denen eine Kinder-Peergroup von einem Jugendlichen gleichsam infiziert wird bzw. infiziert wurde. Die sexuellen Übergriffe wurden dann unter den Kindern weitergegeben. Durch die Konfrontation mit pornografischem Material ist die missbräuchliche Situation für Kinder und Jugendliche heute ungleich komplexer geworden. Es würde hier zu weit führen, wenn ich Ihnen zahlreiche Beispiele von sexuellen Übergriffen und Konfrontationen mit Pornografie aus der Kinderzeit schildern würde, die mir von Patienten mit schweren sexuellen Neurosen und Identitätsstörungen berichtet wurden. Angesichts der Empfindlichkeit der Kinder gegenüber sexuellen Übergriffen auch von Gleichaltrigen erscheint es berechtigt und nachvollziehbar, gewisse Praktiken der gegenwärtigen Sexualerziehung selbst als grenzüberschreitend und missbräuchlich anzusehen. Die Zeugnisse der Eltern über die Äußerungen ihrer Kinder nach solchen Unterrichtseinheiten sind erschütternd. Die Bilder aus dem Buch „Lisa und Jan“ des einflussreichen Kindersexualpädagogen Uwe Sielert dürften ihnen allen bekannt sein. Sie sprechen für sich. Sielert selber bezeichnet sich als Schüler des Sozialpädagogen und pädophilen Aktivisten Helmut Kentler. Es gibt zwei wesentliche Aspekte in der Missbrauchsprävention, die gegenwärtig zur Diskussion stehen. Zum einen geht es um die subjektive Missbrauchsprävention, bei der die Autonomie des Kindes gestärkt werden soll. Zum anderen um eine objektive Missbrauchsprävention, bei der die Aufsichtspflicht der Erwachsenen im Vordergrund steht. Gegenwärtig befindet sich die subjektive Missbrauchsprävention auf breitem Vormarsch. Für sie werden enorme Gelder freigemacht. So sucht man gegenwärtig im Land Salzburg nach Schauspielern, die bereit sind, mit Schülern in der Missbrauchsprävention zu arbeiten. Kinder sollen lernen, sich zu wehren. Dabei stellt sich sogleich die Frage, wie und ab wann sie sich wehren sollen. Soll man das dem subjektiven Empfinden der Kinder überlassen oder soll man hierfür objektive Regeln aufstellen. Es zeichnet sich jetzt bereits ab, dass die subjektive Missbrauchsprävention bei Kindern keinen wirksamen Schutz bietet. So weist unter anderen der erfahrene niederländische Tätertherapeut Ruud Bullens darauf hin, dass in der Anbahnungsphase, dem sogenannten Grooming, Kinder praktisch keine Chance haben, sich gegen Erwachsene abzugrenzen. Es nimmt somit nicht Wunder, dass es bisher noch keine empirischen Studien oder Belege dafür gibt, dass Programme subjektiver Missbrauchsprävention bei Kindern wirksam sind. Die Sexualpädagogik der Vielfalt ist der subjektiven Missbrauchsprävention verpflichtet. Dabei zeigen sich Probleme, die für diese pädagogische Richtung spezifisch sind und weit über die grundsätzlichen, gerade erörterten Bedenken gegen diesen subjektiven Ansatz hinausgehen. Die Sexualpädagogik der Vielfalt sieht sich selber in der Tradition der neoemanzipatorischen Sexualpädagogik, wie sie von Helmut Kentler maßgeblich mitgeprägt wurde. In ihr wird wie heute die Aufmerksamkeit der Kinder auf ihre natürlichen sexuellen Empfindungen gelenkt und verstärkt. Diese sexuellen Empfindungen werden in ihrer Bedeutung überbewertet, wobei ihnen ein erweiterter Begriff von Masturbation zugrunde gelegt wird. Heute sollen in Kindergärten eigene Räumlichkeiten für Doktorspiele und Masturbation eingerichtet werden. Nach Kentler sind „Kinder, die sich nicht selber befriedigen, durch psychische Fehlentwicklungen schwer gehemmt“. Eine Behauptung, die den meisten Menschen aufgrund ihrer eigenen Erfahrung mit sich selbst und mit ihren Kindern als grotesk erscheinen dürfte. So hat z.B. eine von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA veröffentlichte Studie aus dem Jahr 2013 gezeigt, dass nur 45% der weiblichen Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren in einem liberalen großstädtischen Milieu Selbsterfahrung mit Masturbation hatten. Nur für ein Viertel der Mädchen war Masturbation die erste sexuelle Erfahrung, die sie überhaupt machten. Wer, so fragt man sich, außer einem pädophil Empfindenden hat ein Interesse daran, dass Kinder sexuell erregt werden? Ohne den gegenwärtigen Vertretern dieser pädagogischen Richtung pädophile Absichten unterstellen zu wollen, stehen sie doch offensichtlich in solch einer Tradition. Wie wir heute wissen, gab es vor allem in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts einen Zusammenhang zwischen der neoemanzipatorischen Sexualpädagogik und Teilen der Reformpädagogik, in der sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen wucherte. Konkret stellt sich auf diesem Hintergrund die Frage, ob sexuelle Selbsterfahrung tatsächlich eine Grundlage für die Abwehr von Missbrauch sein kann? Wenn man in den einschlägigen Programmen von der Sexualpädagogik der Vielfalt Übungen findet, in denen die Kinder in Bezug auf Berührungen spüren sollen, was sich für sie gut oder nicht gut anfühlt, kommt die berechtigte Frage auf, ob nicht genau diese Vorgehensweise der Anbahnung einer Missbrauchshandlung Tür und Tor öffnet. Ganz zu schweigen von den sexuellen Übergriffen zwischen den Kindern selbst, die ganz aus dem Blick zu geraten scheinen. Die Doktorspiele gehören übrigens nicht dazu, aber im Rahmen von Doktorspielen kann es auch zu missbräuchlichen beziehungsweise sexuellen Übergriffen kommen. Es mutet mehr als befremdlich an, wenn man in den 2013 vom österreichischen Bundesministerium approbierten Materialien zur Sexualaufklärung sechs- bis zwölfjähriger Kinder folgenden Abschnitt liest: „Zustimmung ist ein positiver Zugang zur Sexualität. Im Fokus steht das Anliegen bei jedem kleinen Schritt nach Zustimmung zu fragen, um sich behutsam und langsam zu verständigen, wie andere Personen Berührungen erfahren möchten. Zu einer selbstbestimmten Sexualität gehört die explizite Freiwilligkeit und das kommunizierte Einverständnis bezüglich spezifischer körperlicher und sexueller Aktivitäten.“ So gesehen erscheint es nachvollziehbar, wenn Eltern die Befürchtung haben, dass man den Bock zum Gärtner macht, wenn man die Missbrauchsprävention für ihre Kinder in die Hände der Vertreter einer Sexualpädagogik der Vielfalt legt. Die aus den drei erwähnten Prinzipien stammenden Elemente Autonomie und Verhandlungsmoral können offensichtlich keine Grundlage für Missbrauchsprävention bei Kindern sein. Was wir tatsächlich brauchen, ist ein stärkeres Bewusstsein für die Verantwortung der Erwachsenen in Sachen Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuellem Missbrauch. Die Einbeziehung der Kinder und Jugendlichen erscheint nur mit klaren Vorgaben darüber, was erlaubt und nicht erlaubt ist, sinnvoll. Dass hingegen Programme für Jugendliche in der Vorpubertät und Pubertät, bei denen die Sexualität aus der Tabuzone herausgeholt wird, bei der die Geschlechtsorgane mit ihren Funktionen benannt und die sexuellen Reaktionsweisen mit den Bedürfnissen, Wünschen und Lebenszielen der Jugendlichen in Zusammenhang gebracht werden und diskutiert werden, dass solche Programme für einen späteren verantwortlichen Umgang mit der Sexualität sinnvoll und wichtig sein können, ist damit unbestritten. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

von pi.


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