Kongo: Muster für Dauer-Kolonialismus | Kla.TV

Dienstag 19. Dezember 2017

Kongo: Muster für Dauer-Kolonialismus (1 von 1)

Wie kann es sein, dass die Demokratische Republik Kongo mit ihrem immensen Reichtum an Bodenschätzen heute zu den ärmsten Ländern der Welt zählt? Welche Fremdherrschaft trieb durch jahrzehntelange Gewalt und Unterdrückung eine ganze Nation in den Ruin, nur um die eigene Vorherrschaft zu sichern? Jene Länder, die das Potential haben, die gesamte Welt mit Rohstoffen zu versorgen, werden stets nach ein und demselben Muster destabilisiert. Erfahren Sie dazu mehr in dem folgenden Interview mit dem kongolesischen Geschichtsexperten Kambale Musavuli.

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Kongo: Muster für Dauer-Kolonialismus 19.12.2017

Die Demokratische Republik Kongo ist mit 2,3 Mio. km² der zweitgrößte und mit 80 Mio. Einwohnern der viertgrößte Staat Afrikas. In Bezug auf seine immensen Bodenschätze im Wert von schätzungsweise 24 Billionen US-Dollar gilt es als eines der reichsten Länder, wenn nicht sogar als reichstes Land der Welt. Es besitzt 10 % des weltweiten Vorkommens an Kupfer, 30 % der Diamanten und 70 % aller Eisenerzvorkommen. Vor allem aber werden dort über 50 % des weltweit benötigten Kobalts geschürft, also eines Minerals, ohne das z. B. die Elektronik- und, von ihr abhängig, die gesamte heutige Rüstungsindustrie gar nicht mehr denkbar wäre. Trotz seines Rohstoffreichtums aber zählt dieser Staat, bedingt durch jahrzehntelange Ausbeutung, Korruption und jahrelange Kriege, zu den heute ärmsten Ländern der Welt und landete laut UN-Index für Entwicklung im Jahr 2013 sogar auf dem vorletzten Platz. In einem Gespräch, das die investigative Journalistin Abby Martin mit dem aus dem Kongo stammenden Geschichtsexperten Kambale Musavuli führte, beleuchtet dieser sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart des Kongo. Musavuli zeigt darin auf, dass der Kongo sogar das Potenzial hätte, die gesamte Weltbevölkerung mit bis zu 9 Mrd. Menschen zu ernähren. Mit der Stromgewinnung durch seinen Fluss, den Kongo, könnte von dort ganz Afrika mit Strom versorgt werden. Er hebt hervor, dass die Demokratische Republik Kongo der derzeit weltgrößte Lieferant von Kobalt ist. Nahezu jedes Auto, jeder Computer, jedes Mobilfunk- oder sonstiges elektronische Gerät enthalte Kobalt aus dem Kongo. Ebenso – leider – aber auch sämtliche Panzer, Flugzeuge, Hubschrauber, Raketen, Kriegsschiffe, U-Boote usw. Ein strategisches Papier der US-Administration legte sogar in aller Klarheit dar, dass es ohne Kobalt aus dem Kongo unmöglich sei, Kriege zu führen. Genau das nun aber brachte den Kongo bereits Mitte des letzten Jahrhunderts ins Fadenkreuz der Interessen des US-Imperiums – das meint nicht nur der US-Regierung und ihres Militärapparates, sondern vor allem der US-Großkonzerne samt der Hochfinanz. Zuvor war der Kongo unter der Kolonialherrschaft Belgiens ca. 70 Jahre lang nahezu aufgerieben worden. Die Hälfte der Bevölkerung, also ca. 10 Mio. Kongolesen, sind in jener belgischen Kolonialzeit durch Gewalt und Unterdrückung gestorben – ein Verbrechen, ja letztlich ein Genozid, der für die meisten Menschen, so Musavuli, aber schlicht ausgeblendet blieb. Während der Kongo anfangs vor allem wegen seines Kautschuks ausgebeutet wurde, wurde er es später um seines hochwertigen Urans willen. Ohne dieses Uran aus dem Kongo hätte es keine Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki geben können. Und heute, wie eingangs schon erwähnt, geht es zusätzlich noch um seine Kobaltvorkommen. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts gelang der kongolesischen Bevölkerung, nach langem zähen Kampf für ihre Unabhängigkeit, die Befreiung vom kolonialistischen Joch Belgiens und der Sprung in die Eigenständigkeit. Die stärkste treibende Kraft in dieser Unabhängigkeitsbewegung und erster demokratisch gewählter Ministerpräsident war Patrice Lumumba. Eines seiner Hauptziele war: Die Ressourcen des Kongo sollten vor allem den Kongolesen zugute kommen. Von ihm stammte auch der Plan eines komplett befreiten und vereinigten Afrikas, der Vereinigten Staaten von Afrika. Für den Kongo schien endlich eine glücklichere Zeit anzubrechen! Doch dazu sollte es nicht kommen – Lumumba wurde 1960 in einem von US-Geheimdiensten initiierten Putsch gestürzt und kurze Zeit später ermordet. An seiner Stelle gelangte Joseph Mobutu an die Macht, ein US-getreuer, CIA-gestützter Diktator. Damit begann eine neue Phase der Kolonialherrschaft, nur diesmal unter US-amerikanischem Joch – zwar in verdeckter Form, aber für die Kongolesen nicht minder bitter. Mobutu gewährte den US-Konzernen unbegrenzten Zugriff auf die kongolesischen Ressourcen. So ging die Plünderung des Landes ohne Unterbrechung weiter. Als dann aber auch Mobutu nicht mehr so „funktionierte“, wie es die US-amerikanischen Interessenkartelle wünschten, wurde gleichfalls auch er „beiseite gesetzt“. Es folgten vielerlei gleichermaßen US-gesteuerte Bürgerkriege, bei denen abermals ca. sechs Mio. Kongolesen zu Tode kamen. Bis zum heutigen Tag hat der Kongo nicht ansatzweise mehr die Freiheit, die sein erster demokratisch gewählter Ministerpräsident Patrice Lumumba vor nun bald 60 Jahren durch seine Unabhängigkeitsbewegung für kurze Zeit erkämpft hatte. Fazit: Dieser moderne US-Kolonialismus geschieht mittlerweile weltweit stets nach ein und demselben Muster: Ein Land gerät wegen seiner Ressourcen, seiner strategischen Lage oder einfach, weil es zum unliebsamen Konkurrenten erklärt wird, ins Fadenkreuz des US-Imperiums. Sodann wird es durch gezielte, zumeist verdeckte, durch Geheimdienste veranlasste Terroranschläge oder sonstige Aktionen destabilisiert. Weiter wird das Zielland mit blutigen Unruhen überzogen mit dem Ziel, seine Regierung zu stürzen und durch eine US-gesteuerte zu ersetzen. Zuvor wird die legitime Regierung durch die nicht weniger US-gesteuerten Mainstream-Medien derart massiv dämonisiert, dass schließlich sogar ein militärisches Eingreifen gerechtfertigt erscheint. Eine größere öffentliche Empörung bleibt durch die Deckung dieser massiven Menschenrechtsverletzungen durch die Medien bisher aus und die USA kann ihre Agenda ungehindert fortsetzen. Verbreiten Sie darum diese Sendung weiter, damit die Gewalt und Unterdrückung, die im Kongo und anderen Ländern geschah und geschieht, nicht weiter für den Großteil der Menschen „ausgeblendet bleibt“! Sehen Sie nun das gut 20-minütige Gespräch, das die investigative Journalistin Abby Martin mit dem Kongo-Experten Kambale Musavuli führte. The Empire Files: Das Imperium im Herzen von Afrika Abby Martin interviewt Kambale Musavuli Vor zehn Jahren warf das Imperium seinen Blick auf eine profitable Region der Welt: auf den Kontinent, den es einst als Captain des Sklavenhandels plünderte. Ein neues, großes militärisches Kommando wurde geboren, AFRICOM. AFRICOM umfasst 53 afrikanische Länder, darunter auch Inseln und alle Ozeane. Es besteht aus vier Hauptkomponenten, alle mit interessanten Namen: U.S. ARMY AFRICA, U.S. NAVAL FORCES AFRICA, U.S. AIR FORCES AFRICA, U.S. MARINE CORPS AFRICA Auch wenn die US-Präsenz auf dem afrikanischen Kontinent größtenteils humanitär daherkommt, hat AFRICOM-Offizier Rick Cook zugegeben, dass die USA in Afrika seit Jahren schon im Krieg sind. Mit einer Reihe von Drohnenbasen sowie Lagern und Einrichtungen, in denen die amerikanische Tradition fortgeführt wird, Proxymilitärs auszubilden, die für abscheuliche Menschenrechtsverletzungen und geheime Operationen zuständig sind. Weit entfernt von einem Krieg unter der Gewaltschwelle führt AFRICOM jeden Tag mehrere Missionen durch. Jedes Imperium wollte Afrika aus dem gleichen Grund besitzen: Sein unermesslicher Schatz an Mineralien und Rohmaterialien. Viel von diesem begrabenen Schatz konzentriert sich in Afrikas Süden, in der Demokratischen Republik Kongo. Sie ist die Heimat von 80 Millionen Menschen, mit 250 verschiedenen ethnischen Gruppen und über 700 verschiedenen Sprachen und Dialekten. Mit seinen unerschlossenen Mineralien gilt es als das reichste Land der Welt, mit Reserven im Wert von 24 Billionen Dollar. Der Kongo hat 10 % des weltweiten Kupfers, 30 % der Diamanten und 70 % des weltweiten Eisens, und er produziert über 50 % des weltweiten Kobalts. Unter den Kongolesen, die buchstäblich ihr Leben in den Kobalt-Minen riskieren, sind Zehntausende noch Kinder. Sie arbeiten 12 Stunden am Tag für einen Dollar. Westliche Bergbaugiganten bezahlen örtliche Milizen für illegale Grabungen und verdienen Millionen an diesem kriminellen Geschäft, darunter Adastra Minerals und Bechtel Incorporated. Ich sprach mit Kambale Musavuli, dem Sprecher der Freunde des Kongo über den Ressourcen-Kurs des Landes und wie Imperien die Region geformt haben. Abby Martin: 1982 hat das Congressional Budget Office einen Bericht herausgegeben mit dem Titel: „Kobalt – Politikoptionen für ein strategisches Mineral“. Darin hebt es hervor, dass ein Kobaltmangel offenbar eine Bedrohung der nationalen Sicherheit der USA ist. Was ist Kobalt und wie wichtig ist dieser Bericht? Kambale Musavuli: Der Kongo ist weltweit der größte Produzent von Kobalt. Selbst wenn wir das Tempo drosseln, sind wir noch immer der größte Kobalt-Produzent der Welt. Es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Batterie in deinem Auto, in deinem Telefon, deinem Fernseher, die gesamte Elektronik, die du benutzt, Kobalt aus dem Kongo enthält. Aber niemand weiß das. Das Dokument, von dem du sprichst, ist sehr speziell. Wenn man sich die Kobalt-Politik ansieht, dann sehe ich zwei Aspekte. Zum einen die Verwundbarkeit. Der Grund, aus dem sie diese Kobalt-Politik eingeführt haben, war ein Kobalt-Mangel im Kongo. Das wurde von einer Rebellion verursacht. In den späten Siebzigern gab es eine Rebellion, die den Kobalt-Abbau im Kongo gestört hat. Das hat die Leute in den USA beunruhigt. Die Amerikaner haben es durch einen Farbfernseher-Mangel 1980 und 1981 gemerkt, die Konsumenten wussten nicht, warum es diesen Fernseher-Mangel gab, das hing direkt mit dem Kobalt im Kongo zusammen. Von daher konnten wir uns ausrechnen: Okay, wir produzieren in den USA kein Kobalt, wir haben keine bekannten Kobaltreserven. Das Land, aus dem wir Kobalt bekommen, damals Zaire, heute Kongo, hat einen Präsidenten, den wir installiert haben. Wie muss unsere Kongo-Politik also aussehen? Dieses Dokument war die Rechtfertigung dafür, Mobutu zu unterstützen, in dem Wissen, dass er die Staatskasse plünderte. Er tötete Dissidenten usw., aber weil er für unseren Zugang zu Kobalt so wichtig war, haben wir ihn unterstützt – nicht nur wegen unserer Elektrogeräte. Unsere wirkliche Verwundbarkeit ist nicht die Elektronik. Wenn es in den USA einen Kobaltmangel gibt, dann betrifft das das US-Militär – und das steht ganz offen in dem Dokument. Ohne Kobalt aus dem Kongo haben wir Schwierigkeiten, Krieg zu führen. Abby Martin: Wofür benutzt das US-Militär Kobalt? Kambale Musavuli: Ohne Kobalt keine Drohne, kein Flugzeug. Man kann ohne Kobalt kein Spaceshuttle starten, auch in Atomreaktoren wird es gebraucht. Es wird buchstäblich in den meisten militärischen und Weltraum-Anwendungen genutzt. Wenn es einen Kobalt-Mangel gibt, dann können wir keinen Krieg führen. Das ist die größte Verwundbarkeit bei der Kobalt-Politik. Wenn wir Weltfrieden wollen, sollten wir sicherstellen, dass der Kongo von den Kongolesen kontrolliert wird, damit sie ihre Ressourcen einsetzen können, um ihr Leben zu verbessern: sauberes Wasser, Elektrizität, ein besseres Leben im eigenen Land. Anstelle davon, dass die Mineralien an die westlichen Nationen gehen, im Militär genutzt werden und rund um die Welt Verwüstung anrichten. Ursprünglich Gold, dann Kautschuk, dann Sklaven und nun Kobalt – Afrika hat über fünf Jahrhunderte Unterdrückung und Diebstahl durch europäische Imperien ertragen. So sehr, dass sich die gesamte kapitalistische Welt mittels dieser vernichtenden Unterentwicklungspolitik selber entwickeln konnte. Der Kongo hat die übliche Kolonievergangenheit. Die vielfältige Landschaft, auf der 450 unabhängige afrikanische Gruppen leben, wurde in den 1880ern mit Grenzen umgeben, als private Holding europäischer Investoren. Das koloniale Projekt wurde auf der Berlin-Konferenz 1884 „der Freistaat Kongo“ genannt. Ein Treffen, um Afrika unter europäischen Imperien aufzuteilen, ohne Afrikaner. Chef und Bonze des Kongo-Freistaats war der blutdürstige belgische König Leopold II. Er führte eine Armee, die die Region eroberte, afrikanische Führer ermordete und die Menschen brutal unterdrückte. Der verrückte König erzählte der Welt von seiner noblen Mission, dem neu geformten Kongo die Zivilisation zu bringen, unterdessen hat er jeden Zentimeter geplündert. Teil seiner Taktik war, Arbeitern die Hände abzuschneiden, auch Kinderarbeitern, wegen des Verbrechens, ihre tägliche Kautschuk-Quote nicht geschafft zu haben. Leopold und seine Kommandeure ermutigten die Soldaten sogar, abgeschnittene Hände als Zeichen des Erfolgs zu sammeln. Am 26. Februar 1885 unterzeichnete Sanford im Namen der USA das Dokument, in dem es heißt, dass sie dieses riesige Land mit Namen Kongo an Leopold II. geben. Leopold kontrollierte das Land – er war ein Konzernmogul. Ich kann ihn mit Donald Trump vergleichen. Er sagt: „Ich brauche Grundbesitz. Ich habe ein winziges Land, mit Namen Belgien. Ich brauche ein Land mit so vielen Ressourcen“ – und sie gaben ihm dieses Land. Er war der Vorstandsvorsitzende des Kongo, des so genannten Kongo-Freistaats und mit dem Land haben sie Kautschuk und Elfenbein ausgebeutet. Während dieser Zeit sind etwa 10 Millionen Kongolesen gestorben. Es war Sklaverei der Moderne. Ich weiß nicht, ob man das so sagen sollte, denn Sklaverei ist Sklaverei. Sie nahmen Kongolesen und brachten sie aufs Feld. Man musste Kautschuk bringen. Sagen wir, ich bringe nicht die Quote von 60 kg am Tag. Dann werde ich entweder zu Tode geprügelt, direkt getötet oder mir wird eine Hand abgeschlagen. Wegen dieser Brutalität sank die Bevölkerung des Kongo in dieser Zeit von 20 Millionen auf 10 Millionen. Aber die Welt wusste nichts davon. Alles, was wir wussten war, dass Ford diese tollen Autos baute, mit tollen Reifen. Nie haben wir hinterfragt, woher amerikanische Geschäftsleute das Kautschuk hatten. Wir haben einfach gesagt: Dies ist die industrialisierte Welt. Wir haben all diese Materialien – und wir fragen nicht, woher sie kommen. Es hat aber eine Bevölkerung direkt betroffen, die während eines Zeitraumes von zehn Jahren halbiert wurde. Weil es zu dieser Zeit Menschen gab, die etwas dagegen sagten, wurde Leopold der Kongo wieder weggenommen. Er wurde aber nicht den Kongolesen zurückgegeben, er wurde Belgien gegeben. Von 1908 bis 1960 stand der Kongo unter belgischer Herrschaft. Wenn man sich Archivaufnahmen der belgischen Herrschaft ansieht, dann sieht man Videos, in denen weiße Belgier vor Klassen sprechen, den Kongolesen die Zivilisation beibringen. In Belgien wurden alle diese Propaganda-Videos gezeigt, in denen sie buchstäblich sagten, sie bringen den Kongolesen die Zivilisation, wie man isst, wie man Türen öffnet, wie man einen Ford benutzt, so leben Menschen. Und wenn Belgier das gesehen hatten, dachten sie: „Wir machen in Afrika eine tolle Arbeit!“ Wir zeigen den Menschen die Zivilisation. Keine Frage darüber, dass das Uran, das in Hiroshima und Nagasaki genutzt wurde, aus dem Kongo kam. Die Belgier holten es aus dem Kongo und gaben es dem Manhattan Project in New York City. Es war Uran aus dem Kongo. Es steht außer Frage, dass für den Marshallplan, um Europa wieder aufzubauen, das Kupfer des Kongo essentiell war. Sie wurden nicht als Bürger, noch nicht einmal als menschliche Wesen behandelt. Das hat dann dazu geführt, dass sich die Menschen erhoben haben – nicht nur im Kongo, sondern während der Kolonisierungsperiode auf dem gesamten Kontinent. Denn sie sagen: „Moment mal, ich bin ein Mensch! Warum werde ich nicht auch so behandelt.“ Viele Afrikaner – speziell im Kongo – viele junge Menschen erhoben sich. Und so stieg Patrice Lumumba auf. Abby Martin: Premierminister Lumumba war Teil der Periode des nie endenden Widerstands gegen den Kolonialismus. Von 1940 an bis zu den 80ern bildeten die kolonisierten Menschen in ganz Afrika politische Parteien. Sie führten den Kampf für Selbstbestimmung und verjagten die europäischen Herren von Angola über Guinea bis Südafrika. Unabhängigkeitsbewegungen inspirierten die unterdrückten Menschen überall. Der Kongo war keine Ausnahme. Che Guevara riskierte sogar sein Leben auf dem Schlachtfeld, um bei der Befreiung des Kongo zu helfen. Nach beinah einem Jahrhundert der belgischen Kolonialherrschaft wählte der Kongo 1960 seinen ersten demokratischen Präsidenten Patrice Lumumba. Erzählen Sie uns vom Kampf, der das möglich machte, und von der Wichtigkeit dieses Sieges. Kambale Musavuli: Patrice Lumumba ist eine imperiale Panne – so sehen sie ihn. Er gehörte der Elite des Kongo an. Im Kongo konnte man laut Kolonialgesetzen nicht über die 8. Klasse hinaus lernen, nach der 8. Klasse gab es keine Bildung mehr. Und dann machte man einen Test, in dem man eine Karte bekommen konnte, ob man eine zivilisierte Person war. Sie hatten also tatsächlich Karten, auf denen stand: zivilisiert, civilisé stand darauf. Mit dieser Karte durfte man in die Innenstadt gehen, man durfte Autofahren oder ins Kino gehen. Wenn man ohne diese Karte in all den westlichen Geschäften auftauchte, dann wurde man verhaftet. Lumumba war unter jenen, die diesen Zugang hatten. Er tat jedoch etwas sehr Fundamentales, was nicht zur elitären Klasse gehörte: Er verstand, dass wir unser Land nicht kontrollierten. Er sprach für die Dorfbewohner und machte das Problem der Souveränität des Landes bekannt. Er verstand, wie wichtig es ist, dass sich Afrika vereint. Er erkannte den Platz des Kongo in der Einheit Afrikas. Er forderte die sofortige Unabhängigkeit. Es gab keinen Grund, warum ein Belgier innerhalb des Kongo Kongolesen schlagen und sie inhuman behandeln sollte. Wir sind erwachsen und können unser Land selber kontrollieren! 1958 sprach der 34 Jahre alte Lumumba auf der internationalen Pan-Afrikanischen Konferenz des Premierministers des neuerdings unabhängigen Ghana Kwame Nkrumah. Dort sprach er über das Ziel, den Kongo vom Kolonialismus zu befreien. Während des Panafrikanischen Kongresses entwarf Kwame Nkrumah den Plan für die Vereinigten Staaten von Afrika. Raten Sie, wo die Hauptstadt war? Kinshasa – damals hieß sie Léopoldville. Sie hatten verstanden: Wenn der Kongo frei wäre, dann wäre Afrika frei. Sie sahen den Kongo mit seinen Ressourcen als das Herz, das seine Energie über den Kontinent verbreiten würde. Der Fluss Kongo kann Elektrizität für den gesamten Kontinent erzeugen – das wissen wir. Er wird jedoch nicht genutzt. Mit seinem Ackerland hat der Kongo das Potenzial, bis 2050 die gesamte Welt zu ernähren, wenn die Weltbevölkerung neun Milliarden Menschen beträgt. Und – Afrikaner haben noch nicht einmal Zugang zur Nahrung. Lumumbas Mission war sicherzustellen, dass die Kongolesen unabhängig werden und alle diese Ressourcen zu ihrem Vorteil nutzen – und natürlich zum Nutzen des gesamten afrikanischen Kontinents. Für die westlichen Mächte war er eine Gefahr. Er machte ihnen klar: Sollte er gewählt werden und den Kongo kontrollieren, dann würde er sicherstellen, dass die Ressourcen des Kongo den Kongolesen zugute kommen. Abby Martin: Erklären Sie bitte, wie Lumumba 1961 in einem vom Westen unterstützen Putsch gestürzt und durch den antikommunistischen Militärdiktator Mobutu Seko ersetzt wurde. Welche Mächte machten das möglich? Kambale Musavuli: Die Vereinigten Staaten. Nachdem Patrice Lumumba im Mai 1960 die Wahlen gewonnen hatte, wurde er innerhalb von Wochen abgesetzt und am 17. Januar 1961 von der CIA ermordet. Selbst nach offizieller Darstellung wurde er getötet und begraben. Dann gruben sie die Leiche wieder aus, weil sie Angst hatten, seine Grabstätte würde zu einer Walfahrtsstätte. Dann zerstückelten sie die Leiche und stellten sicher, dass nichts von Patrice Lumumba übrig blieb. Er war der demokratisch gewählte Führer eines Landes – ermordet, weil er wollte, dass die Ressourcen des Landes der Bevölkerung zugute kommen. Nach der Tötung Lumumbas sahen wir bei Mobutu diese „Beisitzer der Macht“. Er wurde von der CIA unterstützt. Das ist diese schöne Art Widerspruch aufseiten der USA. Man tut diese Dinge im Dunkeln und nach 50 Jahren kann man die offiziellen Dokumente dann veröffentlichen. Wenn wir uns die Aufzeichnungen der 60er Jahre durchlesen – 40 Prozent davon sind nun zugänglich – dann sehen wir wie viel Geld ausgegeben wurde, um einen Diktator zu stützen, der den Kongo 32 Jahre lang abwürgte, von 1965–1997 wurde Mobutu vom Westen unterstützt. Bis die USA entschieden, dass sie ihn nicht mehr mögen – er dient den Interessen des Westens nicht mehr – so wie bei Saddam Hussein. Und sie entschieden, einen Putsch zu unterstützen, einen militärischen Aufstand – nicht geführt von den Kongolesen, sondern von US-Alliierten in Uganda. Die USA unterstützten 1997 die Invasion des Kongo, um das Regime Mobutus zu stürzen. Wegen der militärischen Handlungen hat er über sechs Millionen Kongolesen getötet. Abby Martin: Welche Kraft stand hauptsächlich hinter diesem andauernden Genozid und welche Rolle spielte Ruanda? Kambale Musavuli: Wir müssen den Zusammenhang herstellen. Wer war zu dieser Zeit der Präsident der Vereinigten Staaten? Bill Clinton war es während der Invasion. Clinton hat zusammen mit dem Nationalen Sicherheitsrat der USA Entscheidungen für die Zukunft Afrikas getroffen. Und folgende Entscheidungen wurden getroffen: der Genozid 1994, die Entscheidung wegen Somalia – Black Hawk Down – und er traf eine Entscheidung zum Kongo. Alle drei Entscheidungen waren ein Desaster, alle. Ich erinnere mich noch daran als der Black Hawk abstürzte. Ich war noch jung und sprach mit Leuten, die nicht verstanden, warum Somalis auf amerikanische Soldaten schossen. Ich sagte: Ihr seid Invasoren, darum schießen sie auf euch. Wärt ihr nicht dort, würden sie nicht auf euch schießen – das ist die Realität! Und nun zum Kongo. Bill Clinton und sein Stab – Susan Rice und andere – sie erschufen die Entebbe-Prinzipien. Auf Basis dieser Prinzipien sprachen sie von den sogenannten „Renaissanceführern“ in Afrika. Sie wählten afrikanische Führer aus und sagten: „Dies ist der neue Weg.“ Nach dem Kalten Krieg und dem Sturz der Berliner Mauer brauchte Afrika eine neue Art Führer. Mobutu war ein Agent aus dem Kalten Krieg; er war Präsident des damaligen noch Zaires und gewährte den USA unbegrenzten Zugang zu den Ressourcen des heutigen Kongo. Als die Mauer fiel, brauchte man Mobutu nicht mehr: Lasst uns die Region neu formen! Um Mobutu zu entfernen, entschieden die USA 1997 ihre Alliierten in Ruanda und Uganda bei der Invasion des Kongo zu unterstützen. Sie entfernten Mobutu und installierten Laurent Kabila. Westliche Geschäftsinteressen und Politiker brachten den Vater des derzeitigen Führers Joseph Kabila, den Rebellenführer Laurent Kabila an die Macht. Der Vorsitzende der American Mineral Fields war freundlich genug, seine Rebellenkräfte, die gegen Mobutu kämpften, ganz offen zu finanzieren. Als Gegenleistung für ihre Investition versprach ihnen Kabila Senior einen 1-Milliarden-Dollar-Bergbau-Vertrag. Laurent Kabila kam im tödlichsten Krieg der modernen afrikanischen Geschichte an die Macht – mit Massentötungen und weit verbreiteten Gräueltaten in neun afrikanischen Ländern. Die Kongolesen litten vor allem unter Invasionen der Armeen Ruandas und Ugandas – zwei brutale Pro-Kabila-Diktaturen, die noch immer von den USA finanziell unterstützt werden. Die 2. Kongoinvasion war so furchtbar, dass auch meine Familie flüchten musste. Sie gingen im August 1998. Was danach passierte, ist eine echte Narbe auf dem menschlichen Gewissen. Millionen sind gestorben. Aber wie sind sie gestorben? Man hat ausländische Truppen im Land, die die Bevölkerung terrorisieren, sie töten und lebendig begraben. 2001 ergriff Laurent Kabilas Sohn Joseph die Macht, nachdem sein Vater ermordet worden war. Während eines blutigen Bürgerkrieges versuchte er nun, diese Macht zu behalten. Abby Martin: Joseph Kabila ist seit 2006 Präsident des Kongo. Für November 2016 stehen Präsidentschaftswahlen an. Alles was er bis jetzt getan hat, sieht so aus, als verlängere er seine Amtszeit und bricht so die Verfassung. Was wird mit dem Kongo passieren, wenn er das tut? Kambale Musavuli: Die Hoffnung lautet: Revolution. Wir müssen aber auch historisch betrachten, wie lange er an der Macht ist. 2001 wurde sein so genannter Vater ermordet. Der Kongo ist keine Monarchie, aber er erbte die Macht. Es stellt sich also die Frage, wie er 2001 der Präsident des Kongo wurde. Er wurde installiert. Westliche Nationen hatten ihn als den Präsidenten des Kongo anerkannt. Er blieb bis zu den offiziellen Wahlen 2006. Er ist also seit beinah 15 Jahren an der Macht. 2006 gab es aber die Hoffnung, dass die Kongolesen eine Entscheidung treffen. Es gab zwei Hauptkandidaten: Joseph Kabila und Jean-Pierre Bemba, der vor dem Internationalen Strafgerichtshof angeklagt ist, wegen Verbrechen gegen die „Zentralafrikanische Republik“. Aber am Ende der Wahlen wurde Kabila zum Gewinner erklärt. Im Kongo gab es einen Aufstand. Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass westliche Diplomaten in ihrem Bunker im Kongo bombardiert wurden. Er tötete beinah ein Dutzend Diplomaten, weil er Angst hatte, dass der Westen seine Meinung ändert. Aber natürlich wurde er danach nicht zur Verantwortung gezogen. Alle westlichen Nationen setzten auf Kabila. Warum? Weil sie ihn als den Führer sahen, der ihnen den Zugang zu den Mineralien des Kongo sichern könnte. Während er an der Macht war, kann man sehen, dass viele Bergbauverträge unterschrieben worden sind, von denen die Menschen im Kongo gar nichts hatten. Die internationale Crisis Group merkte an, dass die westlichen Nationen 2007 Kabila unterstützten, weil sie das Gefühl hatten: Das ist unser Mann, ihn können wir kontrollieren. 2011 gab es laut Verfassung die zweite offizielle Wahl. Auch diese Wahl war gefälscht. In einigen Gebieten gewann Kabila mit über 100%. Unzählige Wahlbeobachter, darunter das Carter Center nannten die Ergebnisse illegitim. Während der Massenproteste schwankten die USA drei Monate lang, bevor sie offiziell Kabila als Präsidenten des Kongo anerkannten. Die Verfassung erlaubt nur zwei Amtszeiten. Sein neuer Versuch, die kommende Wahl mit einer Volkszählung zu verzögern, traf auf erbitterten Widerstand. Als er in das Parlament und in den Senat gewählt wurde, ging die Jugend des Kongo auf die Straße. Sie sahen, was die Politiker taten und sie gingen auf die Straße. Sie brachten eine 15 Millionen Einwohnerstadt zum Erliegen. Junge Kongolesen von 15 bis in die 20iger, die die Politik beobachteten. So zwei Wochen lang gab es Proteste, die Nein zur Verfassungsänderung sagten. Viele wurden getötet. Offiziell heißt es, dass 42 Menschen getötet wurden. Wenn wir uns jedoch die Tatsachen vor Ort anschauen: Im März vergangenen Jahres fanden Anwohner und die Vereinten Nationen in Kinshasa ein Massengrab mit 425 Leichen. Jahrzehntelang setzten Imperien solch brutale Taktiken ein. Mit anderen Zeichen kommen andere Strategien. Darunter auch eine falsche Präsentation der eigenen Rolle. Von Kuba bis zum Kongo haben die USA und ihre Lakaien in Jugendbewegungen investiert, um die Zukunft ihrer Länder zu vereinnahmen. Abby Martin: Welche Rolle spielt die USA und die Initiative Young African Leader? Kambale Musavuli: Young African Leader wurde 2010 gegründet. Es war eine Reaktion Obamas auf afrikanische Führer. 2010 feierten viele afrikanische Länder das 50. Jahr ihrer Unabhängigkeit. Er wollte das Image präsentieren, dass er nicht diese Machthaber unterstützt. Er werde die Jugend unterstützen. Also dieses Bild davon, hier junge afrikanische Führer hervorzubringen und ihnen zu sagen: Ihr seid die zukünftigen Führer eurer Länder. Das Problem damit ist, dass das leider eine elitäre Gruppe schafft. Man holt junge afrikanische Führer hierher. Man stellt Kontakte zwischen ihnen und Institutionen in den USA her. Man lehrt sie amerikanische Politik. Ich traf 2010 einen dieser Jugendlichen. Er zeigte mir Videos, wie sie den ganzen Tag damit verbringen, Föderalismus zu studieren. Ich fragte mich: Warum lehren sie euch Föderalismus, Capital Hill Institutionen in Washington. Warum zeigen sie euch, wie das föderale System in den Vereinigten Staaten funktioniert. Es ist sehr problematisch, dass ihr die jungen Leute dort hinbringt. Und dann präsentiert ihr das, was wirklich passiert so, als würde das System für uns arbeiten. Diese jungen Leute kehren dann zurück und sagen: Ich habe Gesetzgeber getroffen, Leute auf dem Capital Hill, und so funktioniert das. Sie sehen aber nicht die inneren Probleme im politischen System der Vereinigten Staaten. Ich verstehe was gut daran ist, die Jugend zu stärken. Wenn die USA jedoch ein Netzwerk aus 100.000 jungen afrikanischen Führern betreiben, dann ist das problematisch. Wenn China ein Netzwerk aus 100.000 jungen Amerikanern betreiben würde, dann würden die Amerikaner sich dagegen aussprechen. Wir haben Sorgen, dass dieses Land so etwas tut und wir sprechen hier nicht von einer NGO. Wir sprechen von der US-Regierung. Die Hälfte der Bevölkerung in Kongo ist unter 18 Jahre alt und die Mehrheit von ihnen sind Frauen. Wir wissen, dass jede Veränderung, die im Kongo passiert, über die Jugend und über die Frauen passieren wird. Wenn man die US-Regierung ist und dieses Potential sieht und man hat Interesse an diesem Staat – es könnte ja neue Führer im Kongo geben, zu denen man keine Verbindungen hat, die dann Entscheidungen abseits der eigenen Interessen treffen. Darum will man sicherstellen, dass man diese jungen Führer schon in der Tasche hat. Das ist eine Wiederholung der Geschichte – denn die USA haben schon in den 1960ern die gleiche Kante gespielt. Abby Martin: Wie sieht die Lösung aus? Wie können wir von innerhalb des Imperiums Solidarität aufbauen und den Kongolesen helfen, die Kontrolle über ihre Ressourcen zu übernehmen? Kambale Musavuli: Die Amerikaner können helfen, indem sie eine wahre, eine echte Demokratie haben. Denn das Imperium hat so viele Tentakel. Wir können im Kongo Erfolg haben und mit einer Revolution das Land verändern. Das bedeutet aber nicht, dass das dann auch im Tschad der Fall sein wird. In Afghanistan und überall auf der Welt, wo die Menschen ein besseres Leben und bessere Möglichkeiten möchten. Es beginnt alles hier.

von hm.


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